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Stadt-Land-Heimat

In der Analyse der letzten Wahlen stellt man fest, dass sich scheinbar unter dem Radar der Medien und abseits der aggressiven, nationalistischen und oftmals rassistischen Rhetorik der populistischen Trickpolitiker noch weitere Situationen ergeben haben. Es folgen die für mich 10 wichtigsten Punkte warum Populismus auf fruchtbaren Boden fällt und wie bzw. warum sich unser Wahlverhalten verändert hat:
  1. Stadt-Land-Gefälle: Es gibt eine noch nie da gewesene Abwanderung von jungen Menschen vom Land in die Städte. Dadurch entsteht am Land eine Überalterung. Die oftmals durchaus wohlhabenden Eltern bleiben in deren Häusern allein zurück. Die Infrastruktur (Schulen, Geschäfte, Restaurants, öffentlicher Verkehr, Schwimmbäder usw.) am Land reduziert sich. Das Bildungs- oder auch Kulturangebot sinkt- dadurch haben die Menschen am Land das Gefühl zu verlieren. Die Wahlergebnisse in den Städten sind liberal/links - die am Land daher mehrheitlich nationalistisch/konservativ.
  2. Neben der Zuwanderung der jungen Leute in den Städten kommt noch die gestiegene Zuwanderung von Immigranten aus fremden Kulturen. Hier werden von den Migranten wegen der besseren Jobchancen ebenfalls Städte bevorzugt. So sehen sich auch viele Stadtbewohner als Verlierer, wenn in manchen Bezirken ein anderer Kulturkreis überhand nimmt. Dies gilt übrigens auch für Menschen die selbst einen Migrationshintergrund haben oder deren Eltern und Großeltern hatten - Beispiel Wien: gut integrierte Böhmen, Ungarn, Serben die sich über die später zugewanderten Türken, Schwarzafrikaner, Afghanen oder Syrer beschweren. Die Wahlergebnisse in den Städten sind je nach Bezirk sehr liberal oder eben stark nationalistisch. Dieses nationalistische Wahlverhalten wird zusätzlich noch befeuert, indem man durch unkontrollierten Zuzug bzw. schlechte Integration bzw. nicht exekutiere Abschiebung Ausländer in die Sozialsysteme eines Landes eingliedert und zugleich vergisst der bestehenden steuerzahlenden Bevölkerung die Kosten dafür zu erklären und - schlimmer noch - die Kosten dafür aufs Auge zu drücken.
  3. Zudem veraltert unsere Gesellschaft nicht nur am Land sondern auch im Gesamten. Bessere medizinische Versorgung, längere Lebenserwartung und dazu immer mehr kinderlose Paare (Karriere, Verhütung, Homosexualität usw.). Das dennoch existierende Bevölkerungswachstum ergibt sich teilweise aus der Immigration und der erhöhten Anzahl an Kindern der Immigranten. Was gerade bei der älteren Bevölkerung wiederum das Gefühl verstärkt "nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein". Sohin die Stimme bei einer Wahl wieder nationalistisch/konservativ ausfällt.
  4. Gerade in Österreich profitieren wir in sehr vielen Regionen wirtschaftlich und infrastrukturell von Touristen. Tourismus schafft Arbeitsplätze und hat schwachen Regionen teilweise einen immensen Aufschwung ermöglicht. Neben der ökologischen Problematik ist die Kehrseite der Medaille eine Überforderung der Strukturen. Am Beispiel meiner Heimatstadt Zell am See oder noch extremer Hallstatt sieht man wie die Orte immer mehr zu einem "living Museum" für Touristen verkommen. Horden von Touristen zwängen sich durch die Straßen. Die Preise für Wohnen, Essen, Einkaufen usw. steigen. Das Angebot wird immer stärker auf die Touristen abgestimmt. Betuchte Touristen kaufen Grundstücke, Häuser und Appartments. Die eigene Bevölkerung kann sich die Preise nicht mehr leisten und wird in umliegende Orte verdrängt. Das Verkehrsnetz im Umkreis ist nicht darauf ausgerichtet. Die Arbeitsplätze werden immer schwieriger zu besetzen und man lockt die oftmals selbst ausländischen Mitarbeiter mit Mitarbeiterwohnungen und sonstigen Zuwendungen. Die lokale Bevölkerung ist von der touristischen Zuwanderung überrumpelt und reagiert konservativ und nationalistisch.
  5. Das Leben hat in früheren Jahren "öffentlicher" stattgefunden, man kannte sich und es gab mehr Miteinander. Bedingt durch die oben erwähnte erhöhte Zu- und Abwanderung kommt es zu einer "Privatisierung". Als Beispiel nehme ich Kinderspielplätze oder Schwimmbäder die früher für viele in der Gemeinde ein wichtiger Treffpunkt waren. Heute haben immer mehr Privathäuser deren eigene Kinderspielplätze und Privatschwimmbäder zu Hause. Damit reduzieren sich die Schnittstellen mit anderen sozialen Schichten oder zugewanderten Menschen. Man wird bereits als Kind in einen gesellschaftlichem Kokon geschoben. Auch den eben erwähnten Touristen versucht man tunlichst auszuweichen und bleibt bis auf ein paar unvermeidliche Schnittstellen oder dem Arbeitsplatz lieber unter sich.
  6. Die Europäische Union steht inzwischen für das Böse, das über unsere Köpfe hinweg entscheidet und sich um die Krümmung von Bananen kümmert, statt um die Sorgen von uns Menschen. Lobbyisten geben sich die Klinke in die Hand und hinter verschlossenen Türen wird die Welt zu Gunsten der Großkonzerne und Banken regiert. Banken werden gerettet, dagegen erhalten wir 0% Zinsen auf unsere Spareinlagen. Die vielen Vorzüge der EU werden nicht gesehen oder als gegeben hingenommen. Aber zugegeben Brüssel ist weit entfernt, die handelnden Politiker sind die zweite Garnitur (Stichwort: "Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa"), die Abläufe sind komplex und undurchschaubar, man spricht dort englisch (!!!) und die Politiker die am europäischen Parkett brillieren, agieren in den heimischen Parlamenten zunehmend kleinstaatlich. Fast niemand von uns kennt Menschen die für eines der vielen EU-Gremien z.B. in Brüssel oder Straßburg arbeiten - von den gewählten Politikern ganz zu schweigen. Wie soll da ein persönlicher Bezug hergestellt werden können? Da vertraue ich doch eher jenen die ich täglich in der Zeitung, im Netz oder TV sehe bzw. lese. Doch auch die lokalen Honoratioren haben die Situation nur mehr wenig bis keinen Einfluss auf die globalen Entwicklungen zu haben. Nationalistisch zu agieren bzw. zu wählen ist hier ein fast schon logischer Vorgang.
  7. Aber wir müssen gar nicht bis Brüssel gehen: Immer wenig Menschen bekleiden auch bei uns ein öffentliches Amt. Sei es in der Kommunalpolitik, dem Vereinswesen oder generell ein Ehrenamt. Ich vermute, dass die oben erwähnte Privatisierung dafür ein Grund sein könnte. Hauptsächlich geht es aber um den Faktor Zeit (die man scheinbar nicht mehr hat), die Verantwortung (die man übernimmt) und die Aggressivität (mit der man konfrontiert ist). Ich nehme als - wenn auch unpolitisches - Beispiel gerne meine Vereinsarbeit im Golfclub Böhmerwald, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, man für viele Entscheidungen persönlich und finanziell haftet und ich von manchen Personen indiskutabelst behandelt werde. Selbiges berichten mir Funktionäre von anderen Vereinen vor allem von jenen Mitgliedern die in der zweiten Reihe sitzen und tunlichst keine Verantwortung übernehmen. Auch Politiker oder ehrenamtlich tätige Personen dürfen sich wildeste Aktionen gefallen lassen, von Menschen die selbst wenig gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein zeigen. Das geht bis zu den Extremfällen, dass bereits einige Bürgermeister in Deutschland wegen Morddrohungen auch gegen deren Familie zurückgetreten sind!
  8. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft hat viele Vorzüge - vor allem in der globalen Kommunikation. Aber es gibt auch jede Menge Verlierer: Zum Beispiel jene Menschen die Angst haben, dass deren Unternehmen durch billigere Angebote aus Asien überflüssig oder der Job zeitnah von einem Computer oder Roboter übernommen und man selbst dadurch überflüssig wird. Die Frage, ob mein Arbeitsplatz oder mein Unternehmen noch sicher ist, bringt Zukunftsängste. Menschen die mit modernen Smartphones und Computern auf Kriegsfuß stehen, fühlen sich als Auslaufmodelle und so ergeben sich psychologisch bedingt Abstiegsängste. Das Wahlverhalten ist tendenziell konservativ und "die gute alte Zeit" wo alles soviel einfacher war, bewahrend. Populisten versprechen ihren potentiellen Wählern eben genau "diese gute alte Zeit" zurückzubringen. Natürlich wider besseren Wissens, dass man die Digitalisierung nicht aufhalten - geschweige denn zurückdrehen kann. Das manifestiert sich auch darin, dass rein zufällig gerade populistische Parteien Experten im Umgang mit digitalen Netzwerken sind.

  9. Neben ihrer spirituellen Funktion, der kulturellen Verantwortung und all ihren Fehlern, hatte die katholische Kirche in Österreich eine sehr wichtige Aufgabe: der gesellschaftliche Zusammenhalt durch wiederkehrende traditionelle Rituale. Ich denke an Christmette, Allerheiligen oder Erntedank. Das ganze Jahr über traf sich die Bevölkerung um nach einem vorgegebenen Muster gemeinsam zu beten bzw. zu feiern. Diese Funktion wurde durch die bekanntgewordenen Fällen der Kindesmisshandlung und deren teilweise beschämende Aufarbeitung, dem Umgang mit anderen Religionen, dem Zölibat oder allgemein der Stellung der Frau in der Kirche jäh verspielt. Viele Personen in meinem Umfeld und auch ich selbst haben sich auf Grund dieser Punkte von ihrer Kirche entfernt. Waren im Geburtsjahr meiner Eltern 1951 noch 89% der damals ca. 7 Millionen Österreicher Katholiken, so hat sich die Zahl von 6,1 Millionen (1951) auf nur mehr 5,2 Millionen (2015) reduziert. Was die Kirche mehr stören wird als die 1 Million weniger Mitglieder ist aber die Tatsache, dass im Jahr 2016 nur mehr ca. 59% der ÖsterreicherInnen katholisch sind und jedes Jahr verliert die Kirche ca. ein weiteres Prozent. Dies natürlich auch bedingt durch den Zuzug von Menschen ohne Religion oder aus anderen Religionskreisen (und ich denke hier nich nur an den Islam). Der selbstverschuldete Niedergang der katholischen Kirche hat ein riesiges Leck in unsere Gesellschaft geschlagen. Der Slogan "So wahr mir Gott helfe" am Wahlplakat von Norbert Hofer war ein ganz klares Kalkül, denn damit hat er versucht jene Wähler zu erreichen die sich an die "gute alte Zeit" zurückerinnern, als die katholische Kirche noch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesorgt hat. Das Hofer selbst gar kein Katholik sondern Protestant ist, spielte dabei scheinbar keine Rolle.
  10. Für mich ein ganz wichtiger Punkt ist der Verfall der Stammtischkultur! Am wöchentlichen Stammtisch (gerne auch Kaffeekränzchen) hat man sich die Sorgen, Probleme und Neuigkeiten von der Seele geredet. Schwierigkeiten zwischen 2 Menschen wurden oftmals öffentlich ausdiskutiert, weil man sich ja nicht zu Hause verstecken konnte (oder wollte). Heute bleiben die Menschen lieber unter ihresgleichen und wenn dann artikuliert man sich in digitalen (anonymen) Netzwerken oder springt bei jeder Kleinigkeit (leider viel zu schnell) zum Anwalt. Der persönliche Diskurs, eine Streitkultur wurde damit verlernt. Lieber übergibt man an einen Dritten der für einen auf dem Marktplatz steht und schreit - womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Populisten wären.
Soweit meine Analyse. Was aber können wir jetzt dagegen tun, dass bei der nächsten Wahl wir Menschen nicht von Trickpolitikern verarscht werden? Ich kann (und will) die katholische Kirche nicht zurückholen. Die Stammtische sind aus unterschiedlichen Gründen verschwunden. Der Zuzug kann nicht zurückgenommen werden. Die EU wird sich so schnell nicht neu erfinden. Oder in leidvoller Erinnerung an den US-Wahlkampf 2016: Man kann die Zeit nicht zurückdrehen und Austria Great Again machen!

Die Populisten haben wie Holzwürmer augenscheinlich an den Grundfesten der Demokratie geknabbert. Sie manipulieren uns Wähler auf eine sehr subtile Art und Weise. Unsere Gesellschaft spaltet sich immer weiter auf und die die uns als Politiker vertreten, sind kein Abbild der Gesellschaft. Egal ob unsere Einstellung konservativ, neoliberal, sozialdemokratisch, nationalistisch oder wie auch immer sein mag, mit jeder Wahl gibt es Verlierer und Gewinner. Doch unser Land soll doch als Ganzes gewinnen! Daher ist es vielleicht an der Zeit das ganze Problem mal an der Wurzel zu packen. Und so stelle ich mir die Frage: Brauchen wir für den Erhalt unserer Demokratie eigentlich Wahlen oder gibt es zeitgemäßere bzw. fairere Methoden?
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